Die große Entgierschung

Der Giersch zählt zu den Pflanzen, die mir bis vor wenigen Jahren völlig unbekannt waren. Und selbst jetzt, als ich dies schreibe, überlege ich, wie ausführlich ich den Giersch vorstellen muss. Ich stöbere auf den Gartenseiten des Internets und bei Wikipedia, aber letztlich lassen sich all die ausführlichen Beschreibungen, auf einen Satz zusammenfassen: „Der Giersch ist ein übles Wurzelunkraut, das man nur durch einen Umzug wieder los wird“. Ob Giersch nun außerdem auch noch ein Doldenblütler ist und wie viele Arten es aus dieser Familie in deutschen Mittelgebirgen gibt, das mag für eine wissenschaftliche Untersuchung interessant sein, aber wenn der Giersch im eigenen Garten wächst, dann stellt sich nur eine einzige Frage, nämlich „Wie halte ich den Giersch so weit im Zaum, dass der Rest des Gartens trotzdem nutzbar ist?“.

 

Wir haben einen Giersch-Garten

Wenn man einen Garten übernimmt oder neu anlegt, so gibt es zahlreiche Dinge zu beachten und vieles davon ist entweder ganz einfach selbst zu erkennen oder die gängigen Ratgeber weisen darauf hin. Im Gegensatz dazu wird oft erst nach und nach deutlich, welches das im Garten vorherrschende Unkraut ist. In unserem Fall ist es eindeutig der Giersch. Einzig auf der Rasenfläche lässt er sich eindämmen. Selbst Giersch ist wohl auf die Photosynthese angewiesen und das regelmäßige Entfernen der Blätter durch den Rasenmäher belohnt er mit Rückzug aus dem Rasen, um an anderer Stelle im Garten seine Kräfte neu zu sammeln. Ein Beet, das über ein ganzes Jahr nicht gepflegt wurde, ist kaum je wieder dem Giersch zu entreißen. Zwar lassen sich die Blätter entfernen, aber die Wurzeln bilden ein dermaßen dichtes und verzweigtes Netzwerk, dass es kaum gelingen kann sie zu entfernen. Das kleinste Stückchen Wurzel reicht aus, um neu auszutreiben. Auf der vom Giersch verschonten Rasenfläche breitet sich stattdessen die Gundelrebe aus. Durch die kriechenden Triebe ist sie vielleicht sogar hinterlistiger als der Giersch. Giersch hat solche Tücke nicht nötig und reckt sich ohne Zögern 50 bis 80 Zentimeter in die Höhe.

 

Zeit ist Giersch

Oft heißt es „Zeit ist Geld“. Da mir sowieso nicht wirklich klar ist, was damit gemeint ist, möchte ich den Spruch gerne umformulieren: Zeit ist Giersch. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Giersch hat man im Garten. Die Menge der vergangenen Zeit lässt sich also auch in der Höhe und Dichte des Giersches ausdrücken. „Mensch, wir haben uns aber lange nicht gesehen“. „ Ja, das ist bestimmt schon zwei Giersch-Ernten her.“

Zum gerade gekauften Haus gehört ein großer Garten mit guten Strukturen und grundlegender Pflege durch die Vorbesitzer. Bevor wir einziehen können, sind einige Dinge am Haus zu erledigen: Neue Fenster, neue Dielen und Vieles andere. Da bleibt wenig Zeit für das Unkrautrupfen. Dies nutzt der Giersch geschickt aus. Er hat sich in den letzten Jahren unter den Buchenhecken eingenistet und breitet sich nun von dort aus unerbittlich in die Beete aus. Das Haus stand fast ein Jahr leer und nun wird es einen Sommer lang renoviert. Bis ich im nächsten Frühjahr – meinem ersten Frühjahr als Hausbesitzer – wirklich mit Maßnahmen gegen den Giersch beginnen kann, hat er also ein Jahr, einen Sommer und den Winter als Vorsprung.

Als das Frühjahr gekommen ist, beginne ich mit der Handgrabegabel dem Giersch zu Leibe zu rücken. Dabei wird klar, dass der Giersch ein wirklich guter „Netzwerker“ ist. Die Triebe über der Erde sind nur die Hälfte des Giersches. Unter der Erdoberfläche bildet er ein weitverzweigtes Netzwerk aus langen und zerbrechlichen Wurzeln. Je weiter ich eine Wurzel verfolge, desto mehr Seitentriebe hängen daran und desto schwerer wird es sie wirklich ganz zu erwischen. Außerdem sind bei der Verfolgung der Giersch-Wurzeln immer wieder die Pflanzen im Wege, die eigentlich in dem Beet wachsen sollen. Schließlich beginne ich damit, einige der Pflanzen auszugraben, die Wurzeln auf Giersch zu prüfen und die Pflanze in einem Topf zu setzen. Vorübergehend. Eine Art Notquartier oder Pflanzen-Asyl. Nach einem Wochenende sieht das Beet ziemlich verwüstet aus: Ein Teil der Pflanzen ist entfernt und der andere Teil ist so sehr zerwühlt, dass ich eigentlich von einem ehemaligen Beet sprechen muss. Nachdem noch einige Pflanzen aus dem Giersch gerettet habe, habe ich eine Idee, wie ich dem Giersch Herr werden könnte.

 

Das erste Frühjahr: Ein Beet wird zum Topf-Garten

Die Idee das Beet in einem Topf-Garten zu verwandeln, hat sich so nach und nach entwickelt. Damit die Pflanzen wirklich zwei Jahre in den Töpfen durchhalten, setze ich einige der schon eingetopften Pflanzen noch einmal um. Als Töpfe verwende ich schwarze Bau-Eimer, in die ich große Abzugslöcher schneide. Ich brauche mindestens ein Dutzend recht großen Töpfe, die in zwei Jahren alle wieder überflüssig werden. Jegliche Art von offizieller Pflanzenaufbewahrung, sei es nun Terrakotta oder Plastik, ist für diese Zwischenlagerung einfach zu teuer.

Bis auf eine alte Azalee, die das Zentrum des Beetes bildet, entnehme ich alle Pflanzen aus dem Beet. Leider ist der Phlox nicht zu retten. Alle Horste sind so mit Giersch durchzogen, dass es nicht gelingt den Giersch vom Phlox zu trennen. Das finde ich sehr schade, da der Phlox zusammen mit der Azalee den altmodischen Charme dieses Beetes ausgemacht hat. Danach grabe ich das Beet mit der Grabegabel völlig um, um möglichst viel Giersch heraus zu bekommen. Es ist unglaublich, welche Mengen an Wurzelwerk ich aus dem Beet heraushole. Die Umgraberei ist ganz schön mühsam und ich komme deutlich langsamer voran, als ich dachte. Sicherheitshalber wiederhole ich die Graberei noch 2 Mal. Danach decke ich das Beet mit Teichfolie ab. Auf die Folie kommen die Pflanzen in Töpfen und dann eine 10 cm dicke Schicht Rindenmulch, in die die Pflanzen in ihren Töpfen eingebettet sind. Auf diese Weise sieht es fast so aus, als sei es ein Beet, aber der Giersch ist komplett ausgesperrt. In etwa zwei Jahren kann ich das Ganze dann wieder in ein Beet umbauen, aber bis dahin habe ich erst einmal Ruhe und kann mich um andere Aufgaben kümmern. Das Beet entwickelt sich nun völlig anders als geplant, aber ich habe den Eindruck, dass dies der einzig mögliche Weg ist, um den Giersch zu verdrängen.

 

Das zweite Frühjahr

Das nächste Frühjahr ist eine herbe Enttäuschung im Gartenalltag. Das Topf-Asyl an sich, war eine gute Idee, aber die Umsetzung ist nicht gelungen. Es fehlte die gärtnerische Erfahrung, um zu wissen, welche Pflanzen welche Bedürfnisse haben. Ich habe vorausgesetzt, dass Pflanzen, die schon immer in dem Beet wachsen winterhart sind. Das sind sie allerdings nur, wenn sie eingegraben sind. In Töpfen – auch wenn sie mit einer Rindenmulche-Decke umhüllt sind – sieht das ganz anders aus. Nachdem ich den Phlox an den Giersch verloren habe, muss ich mich nun auch von Schlüsselblume, Kugelprimel und Tränendem Herz trennen. Ich werde also im Jahresverlauf neue Pflanzen setzen und die dann im Winter in der frostfreien und hellen Garage überwintern.

Auch beim Phlox habe ich zu spät dazu gelernt. Es wäre möglich gewesen, den Phlox aus den Rhizomen zu vermehren. Ich bedaure sehr, dass ich die alten und wunderschönen Phloxe nicht retten konnte. Da ich nicht weiß, welche Sorten es waren, muss ich nun versuchen anhand der verschiedensten Gartenkataloge wieder wenigstens ähnliche Phloxe anzusiedeln. Auch wenn es einige Jahre dauern wird, bis es wieder derart prächtige und wüchsige Pflanzen sind, wie es beim Einzug waren.

 

Der zweite Herbst

Es wird deutlich, dass das Beet mit seiner Topf-Sammlung nur noch wenig mit dem ursprünglichen Beet gemein hat. Viele Pflanzen sind verloren gegangen und die neuen sind nur teilweise gleich und zudem anders angeordnet. Auch meine Erfahrung als Gärtner ist eine andere als vor 18 Monaten als ich das Projekt begonnen habe.

Als Zwischen-Resümee daher folgendes:

1 Photos

Man braucht mehr Photos von seinem Garten. Oft macht man „nur“ die spektakulären Photos mit einem Schmetterling, der gerade auf der stacheligen Blüte einer Echinacea gelandet ist. Was man dagegen wirklich braucht, sind Photos, die die Struktur des Gartens zeigen. Zumindest in den ersten Jahren. Also alle zwei bis drei Monate einmal den ganzen Garten systematisch photographieren, damit man später nachschauen kann „ach ja, im August blüht vor der Terrasse immer noch der Island Mohn und die Staudensonnenblumen sind zwar schon 1,50 Meter hoch, blühen aber noch nicht“. Ich stelle fest, dass ich gar nicht mehr weiß, wie das Beet genau aussah, als ich anfing den Giersch zu vertreiben. Ich vermute, dass ich einige Pflanzen völlig übersehen habe, weil sie gerade nicht blühten oder sonst irgendwie in Erscheinung traten.

2 Langzeitprojekte

Wenn man noch wenig Erfahrung als Gärtner hat, ist es eine besondere Herausforderung sich an Projekte mit einer Dauer von 2 Jahren zu machen. Man wird in dieser Zeit so viel Neues lernen, dass, das Projekt sich entweder völlig verändert oder man danach gerade wieder von Vorne anfängt.

In meinem Fall sieht das in etwa so aus:

  • Von den Pflanzen, die ich entnommen habe, ist etwa Hälfte erfroren.
  • Im Beet selbst habe ich einige Pflanzen – vor allem Zwiebelblumen – übersehen, weil sie gerade nicht blühten.
  • Während der ersten 18 Monate der Entgierschung habe ich viel zum Thema Nutzgarten gelernt.
  • An anderer Stelle des Gartens sind 5 Johannisbeer-Büsche dazu gekommen, die jetzt ein neues Zuhause brauchen, weil ich die Fläche für den Nutzgarten vergrößern möchte.

 

Die saure Azalee

Nach der Entgierschung muss ich das Beet sowieso völlig neu angelegen. Es spricht also nichts dagegen, bereits jetzt damit zu beginnen die Erfahrungen der letzten 1 ½ Jahre einzubringen. Die Azalee gehört zu den Heidekrautgewächsen und bevorzugt sauren Boden. Wie diese Pflanze in ein Beet mit vielen anderen „normalen“ Gartenpflanzen gekommen ist, lässt sich nicht mehr herausfinden. Die Azalee ist jedoch die einzige Pflanze, die noch im Beet verwurzelt ist und soll dort auch bleiben. Aus niedrigen hölzernen Beetbegrenzungen baue ich ein Beet-im-Beet und fülle die Fläche rund um die Azalee mit einer Mischung aus Spezialerde, Rindenmulch und Dünger auf. Es ist erstaunlich genug, dass die Azalee so lange ohne nennenswerte Pflege durchgehalten hat und es wäre schade, wenn sie nun nicht erfriert wie die Topf-Pflanzen oder dem Giersch zum Opfer fällt wie der Phlox sondern schlicht und ergreifen aus Mangel an Nährstoffen eingeht. Daher bekommt sie nun ohne weiteren Zeitverzug die passende Erde und den Dünger, der ihr seit Jahren fehlt.

 

Der dritte Herbst: Vom Blumenbeet zum Nutzgarten

Je nach Informations-Quelle sind Johannisbeeren für Halbschatten gut geeignet oder brauchen  doch richtige Sonne. Schließlich schaue im Buch von Marie-Luise Kreuter nach: Johannisbeeren vertragen Halbschatten. Das ist doch mal eine Aussage mit der ich etwas anfangen kann. Ob die Johannisbeeren vielleicht 7,3% mehr Früchte tragen, wenn sie eine Stunde mehr Sonne am Tag haben, das sollen Wissenschaftler und Gartenbauingenieure herausfinden. „Vertragen“ heißt für mich, dass Johannisbeeren im Halbschatten gedeihen und wenn ich die Eibenhecke noch um 20 Zentimeter stutze, bekommen sie noch etwas mehr Sonne. Sonniger Halbschatten sozusagen.

Im Garten ist es wie im richtigen Leben: Man muss oft Entscheidungen treffen ohne alle dafür notwendigen Informationen zu kennen. Ich entscheide daher nun: Das Beet wird nicht wieder so werden, wie es vor Jahren einmal war. Anstatt der Mischung aus den verschiedensten Stauden und Ziergehölzen, soll aus dem Beet ein Obstbeet werden. Die vorhandenen Büsche von roten und schwarzen Johannisbeeren werden kombiniert mit zahlreichen Frühblühern, der Azalee und neuem Phlox. Frühblüher, weil einige davon bisher in dem Beet waren und mir gut gefallen haben. Außerdem sind sie dann verblüht, wenn die Johannisbeeren blühen und fruchten. Die Azalee, weil sie so sympathisch altmodisch ist. Der Phlox, weil ich diese wunderbare Staude erst hier in diesem Garten kennengerlernt habe und es bedauerlich ist, dass ich sie nicht „entgierschen“ konnte.

Nun kommt also der Moment der Wahrheit: Ich beginne den Rindenmulch wieder zu entfernen und bin gespannt, wie viel Giersch noch vorhanden ist. Ich bin überrascht, wie dick und fest die Schicht aus Rindenmulch ist. Die Plastikfolie ist noch gut intakt und es ist wohl nur sehr wenig Giersch unter der Folie entlang gekrochen. Das Beet ist etwa 8 bis 10 Meter lang und knapp 2 Meter tief. Alles was ich an halbverrottetem Rindenmulch aus dem Beet heraus hole, muss ich wieder mit Erde auffüllen. Das Thema Erde ist sicherlich ein eigenes Kapitel wert. Hier nur so viel: Eigentlich würde sich neben einem Spaten und einer Grabegabel auch ein Klein-Bagger als Gartengerät lohnen, eine eigene Halde mit Gartenerde sowieso. Obwohl ich einige Vorräte angelegt habe, reicht die vorhandene Erde bei weitem nicht. Ich habe mal einen Bericht über „Flächenkompost“ gelesen. Dabei wird über Jahre hinweg einfach aller Kompost direkt an der Stelle verteilt, an der sich gute Gartenerde entwickeln soll, z.B. unter einem Nadelbaum, der dann später gefällt wird.

Ich behaupte also einfach mal so etwas Ähnliches auch zu machen und mische Erde, halbfertigen Kompost und frische Küchenabfälle, die ich extra dafür gesammelt habe, zu einem Flächenkompost-Mischerde-Beet. Auf der frisch bereiteten Fläche verteile ich die Johannisbeer-Büsche. An die vordere Kante des Beetes kommt eine lange Reihe aus Tulpen, Narzissen und Hyazinthen. Rund um die Azalee kommen Schlüsselblumen, Kugelprimeln, Schachbrettblumen und Blausternchen. Zusätzlich werde ich am hinteren Rand des Beetes eine Reihe Storchenschnabel pflanzen. In einem Gartenseminar habe ich gelernt, dass Storchenschnabel Giersch unterdrücken kann. Das werde ich versuchen. Später lese ich, dass halbfertiger Kompost Gift für junge Wurzeln ist, aber die Pflanzen haben es trotzdem überlebt. Glück gehabt!

 

Der neue Frühling

Im Laufe des Winters vermehre ich auf der Fensterbank zwei verschiedene Storchenschnäbel. Ich bin überrascht wie unterschiedlich die Pflanzen sind und wie leicht sie sich vermehren lassen.  Die Johannisbeer-Büsche sind gut angewachsen und auch die Tulpen und sonstige Frühblüher treiben aus. Es ist noch nicht alles so wie es sein soll, aber die Arbeit hat sich gelohnt: Aus einem mit Giersch durchwuchertem Sammelsurium ist ein Obstbeet mit Azalee geworden. Bereits im ersten Jahr kann ich Johannisbeeren ernten. Dazu gibt es Tulpen im Frühling und Phlox im Spätsommer.


2 Gedanken zu “Die große Entgierschung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.