Mittwinter und die Raunächte: Die Zeit dazwischen

Mittwinter, die kürzesten Tage des Jahres. Es ist noch gar nicht so spät am Tag, aber es ist schon furchtbar dunkel. Zu Schul- und Kinderzeiten waren von Weihnachten bis zum Dreikönigstag Ferien. „Zwischen den Jahren“ hieß es bei uns zu Hause. In den letzten Jahren ist diese Zeit unter der Überschrift „Raunächte“ bekannt geworden.

Um zu verstehen, was die Raunächte sind, fange ich an zu lesen. In meinem Brockhaus von 2001 finde ich zu den Raunächten nur einige magere Zeilen. Es geht um rau im Sinne von haarig und endet mit dem Verweis auf „Weihnachtsbräuche in aller Welt“ von R. Vossen. Besonders gefällt mir an dem kurzen Absatz die Formulierung „ursprünglich gingen in den Raunächten auch die Perchten um“. Ja wie, „ursprünglich“? Und heute gehen sie nicht mehr um? Stattdessen haben sie sich einen Instagramm-Account eingerichtet und erledigen „Die wilde Jagd“ als Hologramm?

Wenn ich statt meinen Brockhaus zu befragen, das Stichwort Raunächte bei Google eingebe, wimmelt es nur so von Antworten. Viele der Einträge stammen von spirituellen Seiten, die über Mythen, Engel und Jahrtausende altes Wissen schreiben. Das was wir heute als Raunächte erleben, erscheint mir sowohl als Wiederentdeckung alter Bräuche aber zum Teil auch als vollständig neu beschriebene Gewohnheit, die man im 18. und 19 Jahrhundert nicht auf diese Weise kannte oder ausübte. Ja sicher, es wurden in ländlichen Regionen Ställe ausgeräuchert und Tiere geweiht, aber daraus (nachträglich) ein ganzes mythisches Universum zu machen, scheint mir übertrieben. Das Vieh war für die Bauern der wertvollste Besitz. Ich finde es völlig selbstverständlich, dass sie mit allem was sie an Wissen, Ideen und Ahnungen hatten dafür sorgten, dass es dem Vieh gut geht. Wenn ich sehe, mit welcher Inbrunst viele Menschen der heutigen Zeit an ihrem Smartphone kleben, werden zukünftige Altertumsforscher dem 21. Jahrhundert sicher einen wolkenförmigen Gott aus Gigabytes nachweisen.

Einer meiner Träume ist es, mir den Brockhaus von 1898 zu kaufen. Diese Ausgabe ist berühmt für ihre sorgfältig und mit einer besonderen Technik erstellten Farbtafeln. Gerne wüsste ich, was vor mittlerweile 120 Jahren über die Raunächte geschrieben wurde. Mit solch einer Quelle ließe sich verstehen, ob die Raunächte im 19. Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit waren und in Vergessenheit geraten sind. Oder, ob sie dieser Zeit nur von uns heutigen Menschen zugeschrieben werden.

Nach und nach finde ich verschiedene Erklärungen, was die Raunächte genau bedeuten und wie viele es sind. Ganz egal, ob sie einen christlichen, keltischen oder noch anderen Ursprung haben und Heiligabend oder am 1. Weihnachtstag beginnen, irgendeinen Haken haben alle Erklärungen. Ich persönlich halte einen nicht-christlich Ursprung für realistisch, aber warum sollen sie dann am christlichen Weihnachtsfest beginnen, das erst viel später entstanden ist? Da erscheint mir als erste Raunacht die Wintersonnenwende viel stimmiger. Unabhängig davon, welche der verschiedenen möglichen Zählungen und Erläuterungen man persönlich für überzeugend hält, für mich ist es eine Zeit, die sich als Generalpause anbietet.

Die beiden häufigsten Erklärungen für das Wort Raunacht beziehen sich auf rau im Sinne von haarig oder auf den Rauch des Räucherns. Für mich sind beide Erklärungen schlüssig. Zumal das Wort „haarig“ vom mittelalterlichen „rûch“ kommt. Da ist es bis zum Rauch nicht weit. Haariges und Räucherndes sind die wesentlichen Bestandteile aller Beschreibungen der Raunächte. Die tatsächlichen und die fabulierten Sagen zur Raunacht sind regional sehr unterschiedlich. Da mag es je nach Region auch unterschiedliche Historien zum Wort Raunacht geben.

Häufig wird den Raunächten zugeschrieben, dass sie Losnächte für die 12 kommenden Monate seien. Jede der Nächte enthält eine Weissagung wahlweise über das Wetter oder zu anderen Themen der kommenden Monate. Gleichzeitig gibt es keine verlässliche Aussage darüber, ob die Raunächte am 24. Dezember oder schon am 21. Dezember beginnen. Vom 21. Dezember bis zum Dreikönigstag wären es mehr als 12 Lose für die nächsten 12 Monate. Welche der Nächte sind dann die Lose für die kommenden Monate und welche nicht?

 

Mondjahr und Sonnenjahr

Eine der Erklärungen für die Anzahl der Raunächte ist der Unterschied zwischen den 354 Tagen des Mondjahres und den 365 Tagen des Sonnenjahres. Das ist eine Erklärung, die auch für einen Naturwissenschaftler wie mich nachvollziehbar ist. Ich mag die Raunächte gerne verstehen und mir ist völlig einsichtig, dass die Welt um uns herum mehr als das ist, was wir mit unseren Augen sehen. Doch weshalb stehen die Tore zu einer anderen Welt weit offen, nur weil das Mondjahr weniger Tage hat als das Sonnenjahr? Das Jahr ist kein Pullover, der ein Loch hat, durch das magische Mächte eindringen können. Überhaupt, welche andere Welt ist da genau gemeint? Wenn ich so etwas lese, habe ich den Eindruck, es gäbe nur eine einzige sichtbare Welt und außerdem exakt eine weitere unsichtbare Welt, die nur für Elfen und Hellsichtige oder eben in den Raunächten zum Vorschein kommt. Schön, wenn das mit den verschiedenen Welten so einfach wäre! Allein in meinem Kopf gibt es schon locker drei verschiedene Welten. Ich nehme gerne noch die eine oder andere unsichtbare Welt in meine persönliche Liste mit auf. Wenn es aber nur um die 12 fehlenden Tage des Mondjahres geht, die können zu jedem beliebigem Datum eingefügt werden. Wie wäre es denn mit einem Rau-Frühling parallel zu den Eisheiligen? Damit ließe sich neben rau für haarig oder rauch eine dritte Bedeutung, die des rauen Wetters mit einfügen.

 

Bräuche und Rituale

Gestaltungsmöglichkeiten gibt es viele. Das typische Ritual ist das Räuchern, das vielleicht sogar im Namen steckt. Neben dem Räuchern von Haus und Stall gibt es zahlreiche weitere Tätigkeiten, die als Brauch der Raunächte beschrieben werden. Mal ist das Aufhängen der Wäsche verboten. Mal sind nur weiße Laken explizit verboten, weil die Wilde Jagd sie holt und in den nächsten 12 Monaten als Leichentuch für einen Menschen verwendet. Mal ist das Waschen Wäsche nur deshalb verboten, weil es so eine schwere Arbeit ist und die Menschen sich ausruhen sollen. Also ein Verbot, damit die Menschen keine andere Möglichkeit haben als Einkehr halten.

Mir werden zu viele Bräuche beschrieben, die irgendwie keltisch, germanisch oder heidnisch sein sollen und nun vom Christentum vereinnahmt werden. Manche der Bräuche werden mit einem blumigen „Es heißt auch…“ beschrieben, anderen wird nachgesagt, es gäbe Belege aus dem 16. Jahrhundert. Ach Leute, muss ich denn um inne zu halten und wieder zu mir selbst zu finden solch eine Spökenkiekerei veranstalten? Was sollen denn das für Germanen gewesen sein, die im 16. Jahrhundert heidnischen Bräuchen gefolgt sind?

Für mich tun es auch eine Kanne Tee und ein ruhiger Nachmittag. Die passenden Fragen tauchen dann meist von ganz alleine aus der winterlichen Dämmerung auf: Wo stehe ich gerade in meinem Leben? Wie bin ich dorthin gekommen? Ist das wirklich das Leben, das zu mir passt? Was muss ich ändern, damit ich wieder bei mir selbst ankomme? Wer hat mich dabei unterstützt, das zu erreichen, was ich bis hierher geschafft habe? Manche dieser Gedanken finden sich in den schnell wieder vergessenen „guten Vorsätzen“. Ich merke, dass es mir gut tut, mich aus der Schnelllebigkeit der Welt um mich herum für eine Weile auszuklinken und meinem eigenen Rhythmus nachzuspüren.

 

Die Wilde Jagd

Die Wilde Jagd gehört immer irgendwie zu den Raunächten dazu. Irgendwie, ja, nur wie genau? Irgendwie wird noch mein Lieblingswort! In den Texten, die ich finde vermischen sich Stichworte wie „Perchta“, „Wilde Jagd“ und „Odins wildes Heer“. Die verschiedenen Beiträge zum Thema Raunächte sind halbwegs miteinander vergleichbar. Ob jetzt die Thomasnacht (21. Dezember) schon dazu gehört oder nicht, mag jeder selbst entscheiden. Beim Thema Wilde Jagd gibt es dagegen kein einheitliches Verständnis. Perchten oder die Wilde Jagd kann alles sein. Es finden sich gleichermaßen die Perchtenläufe in den Alpen oder die Fahrt nach Åsgard bis hin zur Fastnacht und Halloween. Der veranstaltete Lärm dient wahlweise dazu Unholde fern zu halten oder die Lärmenden sind selbst die Unholde. Hier ist für Jede und Jeden eine Interpretation dabei. Die Wilde Jagd lässt sich damit am ehesten beschreiben als „etwas mit Lärm, Schabernack und Spuk, das zu Mittwinter oder anderen Zeiten der dunklen Jahreszeit stattfindet“.

 

Die Faszination von Magie in der heutigen Welt

Insgesamt ist an den Raunächten vieles unklar, vage und vieldeutig. Vielleicht ist aber genau das die Faszination der Raunächte. Da gibt es etwas, das mit unseren modernen Mitteln nicht fassbar ist. In unserer sichtbaren Welt können die ungewöhnlichsten Informationen binnen weniger Klicks auf Computer oder Smartphone herausgefunden werden. Und dann gibt es Erzählungen von magischen Düften aus glühenden Salbeiblättern und Geistern, die mit Gebäck auf dem Fensterbrett milde gestimmt werden. Welch wunderbarer Gegenentwurf zu der übermäßig technischen Welt, die wir mit unseren Augen sehen!

Ich sehe die Vieldeutigkeit als Einladung, mir meine eigenen Gedanken zu diesem Thema zu machen ohne gleich die Jahrtausende, die Sternenwelt oder Frau Holle (in Gestalt der Perchta) dafür verantwortlich zu machen. Ich brauche nicht für jedes Ding, das ich tue die Begründung oder Erlaubnis eines mystischen Denkers aus dem Mittelalter. Es reicht völlig aus, dass es mir in meiner heutigen Zeit hilft und zu meinem eigenen Lebensrhythmus passt. Die Raunächte sind für mich eine Anregung, mir eine ganz konkrete Zeit im Jahr frei zu halten, die der inneren Einkehr dient. Sie schaffen einen Rahmen für das Insichgehen.


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